Ein Lauf auf Teneriffa – Il carrera nocturna la Caleta de Adeje 28.01.2017

15.02.2017 von Veronika — Seit Jahrzehnten laufe ich regelmäßig beim Lauftreff, bin aber eher der gemütliche als der Wettkampfläufer. Das Lauferlebnis und die Gemeinschaft sind mir wichtiger als höher, schneller, weiter. Hier will ich nun berichten, wie es kam, dass ich doch bei einem Volkslauf, sprich Wettkampf, auf Teneriffa mitlief und welche Erfahrungen ich dabei machte.

Es war im Januar 2016 und wir waren im Süden von Teneriffa in der Nähe von La Caleta/Adeje im Urlaub. Wir saßen abends in einem Café und plötzlich waren wir von Läufern und Läuferinnen umgeben. Ich schaue mich um, da muss irgendeine Laufveranstaltung sein, sie tragen Startnummern. Ich versuche herauszufinden, was für ein Lauf es ist, wann und welche Distanz. Doch sind die meisten im Lauffieber und auf den bevorstehenden Lauf konzentriert, die Antworten sind daher nicht ausführlich.

Ein Knall, der Startschuss fällt und schon rasen die ersten an uns vorbei. Wenn wir es geplant hätten, hätten wir unseren Platz nicht besser wählen können. Wir genießen das Ambiente, die ersten sind so nach 30-35 Minuten im Ziel. Sie sehen ganz schön schnell aus! Weitere folgen, Väter werden von ihren Kindern auf dem Zieleinlauf begleitet, andere liefern sich wahre Wettkämpfe auf den letzten Metern. Es macht Spaß zuzusehen und an dem Geschehen teilzuhaben. Ich bin lange keinen Wettkampf gelaufen, doch hier in dieser Atmosphäre schlägt der Funke über und ich weiß: Nächstes Jahr bin ich auch dabei!

Und tatsächlich finde ich den Lauf im Internet und melde mich Anfang Dezember online an (Offizielle Seite). Einen Chip gibt es mit den Startunterlagen, sowie ein Funktionsshirt, Getränke, Obst und eine Riesentortilla nach dem Lauf. Alles für 12 Euro! Das klingt super gut. Ich sinniere über die Strecke. Ja, da geht es erschreckend hoch… na ja, es geht auch wieder runter, aber das extreme Hochlaufen sollte man vielleicht doch trainieren.

Vorbereitungsläufe: Brauche ich ein spezielles Training für diesen Lauf von 9 km? Die Distanz schien mir nicht das Problem, 9 km laufe ich auch normalerweise. Hier im Darmstädter Wald ist es auch hügelig, da brauche ich eigentlich kein Bergtraining. Auf der anderen Seite bin ich nicht gerade eine „Bergziege“ und dem längeren Hochlaufen gleich von Anfang an bin ich dann – auch aus Gründen der Bequemlichkeit – nicht so zugetan. Ich surfe ein wenig dazu. Die einen behaupten, man bräuchte das nicht extra zu trainieren, die anderen sprechen von Problemen mit der Achillessehne und einseitiger Muskelbelastung. Macht beides Sinn. Also ermittele ich es experimentell und bei meiner ersten Trainingseinheit laufe ich 16 km in etwa 2 Stunden, wobei ich bewusst keinen Berg auslasse. Ich kann sagen, hinterher war ich so was von platt und wusste auch, was die Quellen mit „einseitiger Belastung der Muskeln“ meinten. Von ganz unten in Eberstadt bis hoch zum Prinzenbergs in einem Stück will gelaufen sein. Da ich eher ein Konditionsläufer als ein Schnell-Läufer bin, integrierte ich auch kurze Sprints, lief Intervalle, um mein Tempo im Allgemeinen zu steigern und sozusagen den schnelleren Schritt „reinzukriegen“. Zwischendrin immer mal kürzere und gemütliche Regenerationsläufe. Um mich zusätzlich zu motivieren, zeichnete ich die Distanz, die Geschwindigkeit, die Höhenmeter und die Maximalgeschwindigkeit für jeden Lauf auf.

Dann bekam ich eine Erkältung, es schneite und es wurde glatt. Nach 2 Wochen Pause um Weihnachten und Neujahr, lief ich noch 5 weitere Einheiten, meist nur von dem Gedanken getragen, mich irgendwie zu bewegen und nicht im Glatten auszurutschen. Ich wollte ja eigentlich laufen um Spaß zu haben, also würde ich den Teneriffa-Lauf genießen  – und in einer Stunde würde ich es schon irgendwie schaffen.

Auswahl des Laufschuhs: Ich lief mit dem Brooks Hyperion. Zum einen, da dies der einzige Laufschuh war, den ich auf Teneriffa mit hatte. Zum anderen, da es sich um einen sehr leichten Schuh handelt, der über guten Gripp, besonders auf Asphalt, verfügt. Leider hatte ich keine Zeit, ihn zu Hause Probe zu laufen, aber nach der Laufbandanalyse und vom Gefühl her war ich mir sicher, dass dies der richtige Schuh ist. Diese Vorgehensweise ist nicht immer zu empfehlen, aber diesmal hatte ich Erfolg damit.

Letzter Vorbereitungslauf auf Teneriffa: Wir kamen mittwochs an, der Lauf war am Samstag, so eignete sich Donnerstag für einen kurzen Auflockerungslauf, auch zum Einstimmen auf die Temperatur. Zu Hause waren es noch -10°C gewesen, hier jetzt 22°C. Ich laufe los, mein Mann begleitet mich mit dem Rad. Es geht gleich hoch. Uff, Kordelbeine und ein leichtes Gefühl von Schlappsein breiten sich aus. Aber ich bin motiviert! Eine Stunde ist geplant, nach einigen Gehpausen wegen Fußgängern, die im Weg stehen und Straßenführung, Verkehr etc. sind wir dann nach 90 Minuten zurück. Es war sehr gut, dass ich diesen Testlauf gemacht habe. Er zeigte mir,  wie gefährlich zu schnelles Loslaufen war -  nach der Hälfte der Zeit fühlte ich schon die Kräfte schwinden. Im Wettkampf wäre es günstig, wenn ich mich nicht zu Anfang verausgabe. Jedoch wenn es nur 9 km sind, kann ich anfangs auch nicht zu sehr trödeln, sonst ist der Lauf vorbei, bevor ich loslege. Also: Vorher Einlaufen, ganz langsam und lange.

Analyse der Strecke: In Deutschland kann man bezüglich der Strecke alles bis in die kleinste Kleinigkeit schon im Internet nachlesen. Hier auf Teneriffa gibt es zwar auch Informationen, aber eher allgemeiner Art, Höhenmeter sind z.B. gar nicht verzeichnet. Ob es erst flach ist, und dann hoch geht oder umgekehrt, ist der Karte nicht zu entnehmen. Wir fahren die Strecke mit dem Auto ab, zu steil fürs Rad. Mmmmh, geht schon lang hoch. Manche Berge sehen auch steiler aus als sie sind, denke ich. Es geht immer noch hoch. OK, die Analyse der Strecke entfällt. Es geht hoch, ich habe meine Laufuhr vergessen und meine normale Uhr ist, da der Lauf abends ist, nicht dienlich. Also, wo ist die Hälfte der Strecke? Gute Frage. Dann wird es eben ein Lauf nach Intuition. Ohne Messung des Tempos, einfach laufen.

Strategie für den Lauf: Die Strategie war also: ich laufe einfach mal. Ich lief mich 45 Minuten warm, etwas Auflockerung und Stretching zwischendrin. Kurz vor Start noch einen Schluck aus der Wasserflasche. Mein Ziel war es, den Lauf gut zu laufen und mein Tempo meinem Gefühl und Befinden anzupassen. Am Anfang lieber etwas vorsichtiger, beim Runterlaufen aufholen. Und wenn ich zwischendrin gehen müsste? Na und, dann spare ich Kraft für später!

Der Lauf, was für ein Ereignis: Kurz vor 20 Uhr kam die Aufforderung, sich an den Start zu begeben. 200 Läufer und Läuferinnen stellen sich auf. Und plötzlich geht alles sehr schnell. Der Startschuss fällt, alle laufen los. Was für ein mörderisches Tempo! Es geht erst mal ziemlich flach los, Bürgersteige hoch und runter, wo laufen die hin? Also erst mal mitlaufen. Hier am Anfang hätte ich vielleicht noch etwas zulegen können, aber ich lief lieber verhalten, wollte schließlich ins Ziel kommen. Dann die erste Steigung. Wow, nur langsam, wähle dein Tempo gut. Es geht hoch und hoch, um die Kurve und weiter hoch. Ich analysiere die Optimallinie anhand der Läufer vor mir und tatsächlich kann man, wenn man es ideal läuft ein paar Meter an den Vordermann aufholen. Laufe jetzt mit einem Pärchen aus Italien. Sind viele Läufer aus Italien in diesem Lauf vertreten. Die Kommunikation ist etwas mühsam, da wir alle etwas schnaufen müssen. Es geht immer noch hoch. Die Italienerin geht. Ich versuche sie zu ermutigen weiter zu laufen, sie schnauft. Ok, also weiter. Jetzt bin ich im Wettkampfmodus, ob ich will oder nicht. An manchen Stellen steht Publikum, das uns Läufer anfeuert. Ich sehe das Ende der langen Steigung näher kommen. Da geht schon wieder jemand. Das gibt Kraft weiterzulaufen. Und jetzt runter. Was für ein Blick, welch Panorama! Einfach überwältigend. Man sieht hinunter bis zum Meer, die Ortschaften beleuchtet. Grandios. Wie war das? Kleine Schritte auch beim Runterlaufen, so höre ich die Stimme eines Lauffreundes im Ohr. Ich versuche es mit kleineren Schritten und hole eine Dreiergruppe ein. Super! Es ist nicht nur Theorie, es stimmt tatsächlich. Große Schritte kosten zu viel Kraft, kleine Schritte sind ökonomischer. Wieder ein paar Leute am Straßenrand, die Party machen. Ich frage die Streckenposten, ob es noch weit ist. Nein, nein, gleich da vorne. Nur ein paar Kilometer. Na dann. Und jetzt sehe ich den Zieleinlauf. Noch mal um die Ecke, das Ziel ist vor mir. Ich lege ein wenig an Tempo zu. Nicht dass es nötig gewesen wäre, ich war die Einzige in diesem Moment, aber es war einfach ein tolles Gefühl auch am Ende dieses Laufs noch die Kraft zu haben, zu beschleunigen. Ich fliege sozusagen ins Ziel. Es macht Spaß und ich genieße die letzten Meter eines super guten Laufs.

Siegerehrung und Pokal: Die Siegerehrung nach Altersklassen beginnt mit M65, dann M60. Je drei Herren steigen aufs Treppchen. Richtig schön, und es gibt Pokale für die jeweils drei besten jeder Kategorie. Dann kommt F55 – das bin ja ich. Ganz überrascht steige ich auf das höchste Klötzchen und nehme den Pokal entgegen. Ist schon ein irres Erlebnis. Erste in meiner Altersklasse, wer hätte das gedacht? Und 51 Minuten - ich bin mehr als zufrieden.

Fazit: Wer Freude am Laufen hat, den würde ich ermutigen, auch mal am Urlaubsort zu schauen, ob es dort organisierte Läufe gibt oder Laufgruppen, die sich regelmäßig treffen. Ob man die Sprache spricht, ist meist nicht so wichtig, verständigen kann man sich immer. Wir Läufer und natürlich auch die Walker gehören alle einer Gemeinschaft der Gleichgesinnten an und uns verbindet das Erlebnis draußen in der Natur. In anderen Ländern können Dinge anders gehandhabt oder organisiert sein, wenn man es so akzeptiert, wie es ist, hat man mehr davon. So war z. B. der Chip kostenlos, es gab jedoch keine Sicherheitsnadeln zum Befestigen der Startnummer. Eine mir vorher unbekannte Läuferin half mir mit zwei ihrer vier Sicherheitsnadeln aus. Das ist Teamgeist!